Unabhängige Finanzberatung bei der Ruhestandsplanung

Wann gehe ich in den Ruhestand?

 

Oder anders formuliert: Wann muss ich nicht mehr arbeiten? Diese Frage beschäftigt viele Menschen lange bevor sie tatsächlich ihren Beruf aufgeben möchten.

Der Wunsch ist verständlich. Nach Jahrzehnten im Berufsleben wächst bei vielen der Wunsch nach mehr Zeit für Familie, Reisen, Hobbys oder einfach mehr Selbstbestimmung. Oft geht es gar nicht darum, morgen aufzuhören. Allein das Wissen, jederzeit aufhören zu können, verändert vieles! Der Job fühlt sich leichter an, ein Jobwechsel erscheint möglich und vielleicht wird sogar eine Selbstständigkeit plötzlich zu einer echten Option. Die Möglichkeiten werden viel bunter und realer.

Gleichzeitig ist die Entscheidung mit Unsicherheit verbunden. Was mache ich mit der freien Zeit? Wie gehe ich mit dem Wegfall des Ansehens und der Wertschätzung im Berufsleben um? Reicht das Geld auch bei einer höheren Inflation? Muss ich Abschläge bei der gesetzlichen Rente in Kauf nehmen? Wann kann überhaupt in Rente gehen? Wie entwickelt sich das System insgesamt? Wie lange muss mein Vermögen reichen (= wie lange lebe ich)? Und was passiert, wenn die Kapitalmärkte schlechter laufen als erwartet? Bleibt noch was für die nächste Generation?

Deshalb wird der Ruhestand häufig nicht aktiv geplant, sondern die Entscheidung aus Unsicherheit immer weiter verschoben.

 

Warum die Entscheidung für den Ruhestand so schwer ist?

Der Ruhestand scheint oft eine rein finanzielle Entscheidung zu sein, aber im Hintergrund laufen unzählige Überlegungen, wie das Leben alternativ aussehen sollte. Daher ist die entscheidende Frage: "Wie soll das Leben im Ruhestand aussehen?"

Die Lebensqualität soll in jedem Fall ansteigen, aber das bedeutet für jeden etwas anderes. Mehr Zeit für die Familie und Hobbies, die Welt sehen, ehrenamtlich arbeiten und so viel mehr.

Nehmen wir für einen Moment an, dass wir das Leben im Ruhestand konkret beschreiben können und wir wüssten, dass wir dafür 4.000 € pro Monat benötigen. Dann haben wir immer noch so viele Unbekannte, die sich zum Teil auflösen und abschätzen lassen, aber es wird immer eine Überlegung unter vielen Unsicherheiten sein:

Einnahmen

  • Gesetzliche Rente
  • Betriebsrenten
  • Weitere Rentenansprüche
  • Ggf. reduziertes Arbeitseinkommen

Ausgaben

  • Lebenshaltung
  • Inflation
  • Krankenversicherung
  • Pflege
  • Wohnen

Kapital

  • Kapitalmärkte
  • Lebenserwartung
  • Erbschaften
  • Schenkungen

Da die Entscheidung einen sehr langen Zeitraum von leicht 25 Jahren und länger betrifft, ist die Wirkung enorm, wenn sich die Dinge nicht wie geplant verhalten. Dumm ist auch, dass sich die Entscheidung in den Ruhestand zu gehen, nur schwer wieder rückgängig machen lässt.

Also eine Entscheidung mit viel Komplexität, einer natürlichen Portion an Unsicherheit und nur schwer wieder korrigierbar. Kein Wunder, dass hier die Entscheidung schwer fällt.

 

Welche Denkfehler Menschen beim Thema Ruhestand häufig machen?

"Mit 67 gehe ich automatisch in Rente."

Das gesetzliche Rentenalter sagt lediglich, wann bestimmte Rentenansprüche ohne Abschläge beginnen. Es beantwortet nicht die Frage, ob der gewünschte Lebensstandard finanziert werden kann.

"Meine Renteninformation zeigt mir, ob ich aufhören kann."

Die Renteninformation betrachtet nur die gesetzliche Rente. Private Vermögen, Betriebsrenten, Immobilien oder steuerliche Auswirkungen bleiben unberücksichtigt.

"Früher in Rente gehen kann ich sowieso nicht."

Ruhestand und Rentenbezug sind zwei unterschiedliche Dinge. Viele Menschen überbrücken die Zeit bis zum Rentenbezug aus eigenen Mitteln.

"Ich brauche einfach ein bestimmtes Vermögen."

Nicht die Vermögenshöhe entscheidet, sondern das Verhältnis zwischen laufenden Ausgaben, sicheren Einnahmen und dem Kapital, das die Lücke dauerhaft schließen muss.

"Je länger ich arbeite, desto besser."

Ein späterer Ruhestand verbessert oft die finanzielle Situation. Gleichzeitig geht unwiederbringliche Lebenszeit verloren. Auch dieser Aspekt gehört zur Entscheidung.

"Ich habe 3.000 € p.M. zur Verfügung, das reicht mir"

Bei Renteneintritt mag das passen, aber eine wichtige Unbekannte ist, wie sich die Rentensteigerungen im Vergleich zur Inflation verhalten.

"Meine Eltern haben ein Haus, damit passt das für mich"

Vermögen, das noch nicht übertragen ist, kann entweder durch die Eltern selbst oder im Pflegefall durch Dritte verbraucht werden (müssen).

 

Welche Faktoren gehen in die Ruhestandsplanung ein?

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Wann darf ich in Rente gehen?

Sondern:

Ab wann kann mein gewünschter Lebensstandard dauerhaft finanziert werden und wie stark verändert sich das Ergebnis, wenn Annahmen nicht wie geplant eintreffen?

Viele Menschen möchten wissen, ob sie früher in Rente gehen können oder ob sie bis zum regulären Renteneintritt arbeiten müssen. Tatsächlich geht es aber nicht darum, eine einzelne Jahreszahl zu finden. Entscheidend ist, verschiedene realistische Möglichkeiten miteinander zu vergleichen und dabei die wichtigen Faktoren zu berücksichtigen:

  • gewünschte Ausgaben im Ruhestand
  • gesetzliche und betriebliche Renten
  • vorhandenes Vermögen
  • geplante Entnahmen
  • Inflation
  • Steuern
  • Lebenserwartung
  • Mögliche Schenkungen/Erbschaften
  • Sicherheitsreserven für unerwartete Entwicklungen

Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren zeigt, welche Optionen tatsächlich bestehen.

Das Ergebnis ist häufig überraschend. Manche können deutlich früher in den Ruhestand gehen als gedacht. Andere stellen fest, dass Wünsche so stark konkurrieren (früherer Ruhestand vs. viel Reisen vs. Kindern das Haus hinterlassen vs. viel Sicherheitspuffer einplanen), dass noch eine hohe Abhängigkeit vom Arbeitseinkommen besteht.

 

Welche Folgen hat eine falsche Entscheidung?

Bauchentscheidungen sind oft richtig, aber bei dieser Fragestellung ist er überfordert und die Wahrscheinlichkeit für die folgenden beiden Richtungen ist ungleich höher:

  1. Jetzt in den Ruhestand, das wird schon irgendwie gut gehen. Warum habe ich so hohe Rentenabschläge? Und Krankenversicherung muss ich im Alter auch noch bezahlen? Ausgerechnet jetzt steigt meine Miete. Und so weiter ...
  2. So viel und so lange wie möglich. Im Nachhinein wundern sich ihre Kinder, warum sie so viel erben und die Eltern immer so viel gearbeitet haben und sich nichts gegönnt haben.

 

Wie sieht der konkrete Fall eines Mandanten aus?

Aufgrund der Komplexität betrachten wir hier ein vereinfachtes Beispiel:

  • Alter 60J
  • Verdienst ~100 T€ p.a.
  • Renteneinkommen ab 67J ~ 2.500 € p.M.
  • Lebenshaltungskosten (all-in) ~ 3.500 € p.M.

Die Person benötigt ab 67J monatlich 1.000 € zusätzlich bis Lebensende. Mit Annahmen zu Lebensalter, Inflation und Rendite der Kapitalanlage lässt sich das in ein benötigtes Vermögen mit 67J umrechnen. Das benötigte Vermögen beträgt dabei ca. 300 T€, d.h. dieses Vermögen reicht rechnerisch, um sich 1.000 € pro Monat in der heutigen Kaufkraft bis Lebensende entnehmen zu können.

Soll der Ruhestand um 1 Jahr nach vorne verlegt werden, dann werden noch mal zusätzlich 70 T€ benötigt, um den gesamten Lebensstandard und einen geringeren Rentenanspruch finanzieren zu können.

Wichtig: diese Zahlen ergeben nur einen Sinn, wenn sie vor dem Hintergrund des finanziellen Gesamtbildes betrachtet werden. Also, welche finanzielle Freiheiten für die Menschen bestehen und welche Handlungsoptionen vorhanden sind. In dem konkreten Fall eines Mandanten war es die Abwägung, welcher Anteil des Vermögens für ihn selbst eingeplant werden soll und was für die nächste Generation übrig bleiben soll. Im Laufe der Beratung wurde klar, dass mit der Finanzierung der Ausbildung der Kinder und dem schuldenfreien Eigenheim schon mehr als die Pflicht erfüllt ist und sämtliches weitere Vermögen für ihn selbst eingeplant werden darf. Mit diesen Entscheidungen war schon im Alter von 60J eine hohe Unabhängigkeit vom eigenen Einkommen gegeben und es entstanden sehr spannende Überlegungen für die nächsten Jahre.

 

Fazit – Orientierung statt einer pauschalen Empfehlung

Die richtige Entscheidung lautet deshalb nicht:

"Wann sollte ich in den Ruhestand gehen?"

Sondern:

"Welche Möglichkeiten habe ich – und welche Konsequenzen haben sie?"

Eine gute Ruhestandsplanung beantwortet deshalb nicht nur die Frage, wann ein Ruhestand unter realistischen Annahmen möglich ist. Sie zeigt auch, welche Folgen unterschiedliche Entscheidungen haben und wie robust diese ist, wenn das Leben oder die Rahmenbedingungen sich nicht wie geplant entwickeln.

 


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